1985 horchte die Musikwelt auf. Miles Davis verließ nach 30 Jahren sein Label Columbia Records, um neue Wege zu beschreiten. Warner Music wurde seine neue musikalische Heimat. Kaum angekommen, machte sich Davis sofort ans Werk. Er wollte seiner Karriere eine neue Richtung verleihen, das sollten auch die ersten Aufnahmen unter Beweis stellen. Gemeinsam mit den Produzenten Randy Hall und Zane Giles ging er ins Studio und dort begann er mit den Aufnahmen zu „Rubberband“. Es sollte 34 Jahre dauern, bis das Album offiziell veröffentlicht werden konnte.

Radikaler Stilwechsel

Der Wechsel seiner Plattenfirma motivierte Davis zu neuen musikalischen Wegen. Immerhin hatte er im Laufe seiner Karriere die Musik mehrfach revolutioniert. Funk und Soul wurden diesmal ebenso integriert, wie zahlreiche Gastsänger. Doch die Jazz-Legende hatte nicht mit dem Widerstand seiner neuen Plattenfirma gerechnet und wandte sich dem neuen Projekt „Tutu“ zu, das selbst Geschichte schreiben sollte. Die Aufnahmen verschwanden im Archiv und gerieten in Vergessenheit. Erst im Jahr 2017 machten sich die ursprünglichen Produzenten ans Werk, um „Rubberband“ fertigzustellen und zu veröffentlichen. Einen ersten Vorgeschmack gab es im Jahr 2018 beim Records Store Day. Da wurde die „Rubberband EP“ mit vier der insgesamt elf Songs veröffentlicht. 2018 kam dann das reguläre Album auf den Markt.

Eine gute Entscheidung?

1985 stand Miles David stark unter dem Eindruck von Prince und James Brown. Er wollte seinen Sound in ein ähnliches Klanguniversum überführen. Der Klang der 80er Jahre ist in diesem brodelnden Funk- und Soul-Album unüberhörbar. Durch die moderne Bearbeitung der Produzenten ergeben sich durchaus interessante Spannungsbögen, die „Rubberband“ als Unikum in der Diskografie von Miles Davis erscheinen lassen. Der ebenfalls bereits verstorbenen Prince hätte seine Freude daran gehabt. Das mag Jazz-Puristen vor Schreck erschauern lassen, doch Davis war zeitlebens auf der Suche nach Weiterentwicklung, selbst um den Preis eines Irrtums.

Der wird dieser Platte von zahlreichen Kritikern beschieden, doch das greift zu kurz. Auch wenn der Meister hin und wieder die Kontrolle zu verlieren scheint, so ist „Rubberband“ doch ein durchaus gelungener Seitensprung geworden. Wenn man der Platte etwas vorwerfen kann dann, dass der Künstler in der Produktion zu sehr zum musikalischen Nebendarsteller degradiert wurde. Das zeigt sich vor allem bei den mit Gastsängern aufgemotzten Stücken und weniger bei den Instrumentalnummern, die weitgehend auf den Originalaufnahmen basieren.

Wer sich vom Ballast seiner Erwartungen befreit, wird „Rubberband“ genießen können. Die Aufnahme sollte Miles Davis Aufstieg zum Popstar markieren. Dass damals daraus nichts geworden ist, schmälert die Verdienste des Genies aber in keiner Hinsicht. Heute ist er längst Teil der Popkultur und gilt weiterhin als Inbegriff des „Mr. Cool“.

Die Legende lebt

Bereits im Vorjahr war die Jazz-Welt ob der Entdeckung eines ebenfalls verschollen geglaubten Albums von John Coltrane in helle Aufregung versetzt worden. Anders als Miles Davis, gelang es „Trane“ allerdings die Erwartungen zu erfüllen. Egal, wie man am Ende zu dem ungewöhnlichen Album steht, es war die Veröffentlichung wert. Schließlich gelingt es „Rubberband“ immerhin eine weitere Facette der faszinierenden musikalischen Persönlichkeit von Miles Davis freizulegen. Musikarchäologisch ist das Album interessant, Puristen werden wenig begeistert sein.