Die Fans der Jazz-Legende John Coltrane haben zwei aufregende Jahre hinter sich. Bereits 2018 erfreute seine Plattenfirma Jazz-Liebhaber aus aller Welt mit der Veröffentlichung von „Both Directions At Once“. 2019 folgte mit „Blue World“ die nächste verschollen geglaubte Großtat des Meisters. Anders als bei posthumen Veröffentlichungen anderen Künstlern, überzeugen die beiden Alben auf ganzer Länge.

Das „Lost Album“ machte den Anfang

Nur wenigen Musikern war es vergönnt ihr Genre so mitzubestimmen und zu prägen, wie John Coltrane den Jazz. Rückblickend ist es daher schier unglaublich, wie ein ganzes Album von ihm in Vergessenheit geraten konnte. 50 Jahre nach seinem Tod wurden die Aufnahmen dieser verschollenen Sessions veröffentlicht. Offenbar hatten die Musiker an jenem 6. März 1963 einfach einen Studiotermin „übrig“ und nutzten ihn, um unter Zeitdruck insgesamt sieben Stücke einzuspielen.

Höhepunkt ist zweifellos das bis dahin unbekannt Coltrane-Original „One Up, One Down“, das durch Frische und eine furiose Spielweise heraussticht. Das Stück „Impressions“, zwei unbetitelte Kompositionen und drei Standards ergänzen das Programm. Der gedrängte Zeitplan des Quartetts rund um Coltrane hatte den Aufnahmen nicht geschadet. Im Gegenteil, für den Hörer wird schnell erkennbar, dass sich der Jazz-Gigant auf dem Weg zu seinem absoluten künstlerischen Höhepunkt befand, den er mit dem Album „ A Love Supreme“ ein Jahr später erreichen sollte. Jimmy Garrison am Bass, McCoy Tyner am Piano und Elvin Jones an den Drums inspirierten Coltrane zu neuen Höhenflügen und fügen die sieben Stücke zu einem in sich schlüssigen Gesamtwerk zusammen.

„Blue World“ legte nach

Nach dem großen künstlerischen Erfolg legte der Jazz-Revolutionär John Coltrane 2019 posthum noch einmal nach. Mit „Blue World“ präsentierte seine Plattenfirma im Vorjahr eine weitere musikalische Sensation. Der spektakuläre Archivfund wurde im Zuge weiterer Recherchen nach dem Auffinden von „Both Directions At Once“ gemacht. Die Aufnahmen datieren aus dem Jahre 1964.

Wenige Monate vor den Aufnahmen zu „A Love Supreme“ kontaktierte der kanadische Filmemacher und Coltrane-Fan Gilles Groulx den Musiker. Er bat ihn um einen Soundtrack zum Film „Le Chat Dans Le Sac“. Der Saxofonist stimmte wider Erwarten zu und spielte den ersten und einzigen Soundtrack seiner Karriere ein. Ohne den Film je gesehen zu haben, entschloss er sich zur Neuaufnahme bekannter Titel und das auf Basis einer Liste, die er vom Regisseur erhalten hatte. Gilles Groulx nahm das Masterband anschließend mit nach Kanada, verwendete für seinen Film aber lediglich zehn Minuten Musik. Danach verschwand das Tape in den Archiven, die Musik geriet in Vergessenheit.

Ein zeitgeschichtliches Tondokument

Der Titeltrack „Blue World“ ist das einzige neue Stück auf der Platte und nimmt das wenige Monate später aufgenommenes Meisterwerk „A Love Supreme“ bereits vorweg. Mit den zahlreichen Neueinspielungen älterer Werke wirft der Meister einen Blick zurück. Das Quartett zieht alle Register und zeigt sich in bester Spiellaune. Die Aufnahme selbst ist übrigens von hervorragender Tonqualität. Wer John Coltrane neu für sich entdecken möchte, ist mit diesem Album auf der richtigen Seite. „Blue World“ ist nicht nur ein Soundtrack, sondern eine eigenständige Aufnahme, die einen tiefen Einblick in die Entwicklung des Jazz-Genies gewährt.